IMPULS #3 Erholung im Urlaub – auch in turbulenten Zeiten
Aktualisiert: 1. Sept.
Als Familie mit Kleinkindern bedeutet Urlaub selten Ruhe. Paare haben keine Zeit, um herauszufinden, was ihnen guttun würde. Geschweige denn, wie sie ihre Bedürfnisse mit denen ihres Partners oder ihrer Partnerin unter einen Hut bringen. Mit ein bisschen Vorbereitung, kann der Urlaub aber dennoch gelingen.
Was gibt uns Kraft? Was brauchen wir zum Glücklichsein? Was gibt uns das Gefühl, erholt zu sein? Im Urlaub geht es darum, diese Fragen für sich zu beantworten, aus dem Alltag auszubrechen und einmal das zu machen, wofür sonst keine Zeit bleibt.
Als Familie mit Kleinkindern bedeutet Urlaub allerdings selten Leerlauf und Ruhe. Anstattdessen läuft der Urlaub häufig ganz anders ab, als man und frau es sich vorstellen. So sehr die Kinder auch geliebt werden, im Alltag sind sie halb- oder ganztags in Kitas untergebracht, nun im Urlaub nehmen sie mit ihren Bedürfnissen aber den ganzen Tag ein – und das muss erst mal gemeistert werden. Keine Zeit also, um überhaupt zu wissen, was einem jetzt guttun würde, geschweige denn, wie die Bedürfnisse mit denen des Partners oder der Partnerin unter einen Hut passen.

Meistens entscheiden sich Paare dafür, die allgemeine Unzufriedenheit mit einem vermeintlichen Fehlverhalten des Partners oder der Partnerin zu erklären. Alle wissen, hier läuft etwas aus dem Ruder, aber wie man das Ruder herumreißt, ist unklar. Streit ist damit vorprogrammiert, und wie man sich streitet, das wissen schließlich alle.
Tatsächlich geben wir mit diesem Verhalten jedoch einen Teil unserer eigenen Verantwortung für einen erholsamen Urlaub ab. Denn wir können nur über unser eigenes Verhalten entscheiden. Niemand außer uns ist dafür verantwortlich, dass nicht nur die Kinder, sondern auch wir selbst eine gelungene Zeit haben. Zu dieser Eigenverantwortung gehört, sich bewusst zu machen, was wir persönlich brauchen, um uns zu erholen. Und ebenso wichtig ist es, mit dem Partner oder der Partnerin offen darüber zu sprechen, wie wir uns gegenseitig dabei unterstützen können.
Doch wie lässt sich das im Urlaub mit Kindern tatsächlich umsetzen?
Nehmen wir ein Beispiel.
Wenn der Traumurlaub anders läuft als geplant
Ein Paar ist mit seinen beiden Kindern, zwei und fünf Jahre alt, im Urlaub in Schweden. Geplant waren verwunschene Wanderungen, Kanufahrten auf dem See, Zimtschneckenessen im Stroh und lachende Kinder.
Nach fünf Tagen sieht die Realität allerdings ganz anders aus: Die Kinder torpedieren die verwunschenen Wanderungen. Sie wollen lieber im Ferienhaus mit seinem großen Garten herumtollen. Auch das Kanufahren macht vor allem dem jüngeren Kind keine große Freude. Statt idyllischer Ruhe herrschen auf dem kleinen Boot eher Stress und Gebrüll.
Und während die Kinder ihren eigenen Urlaubswünschen folgen, hat sich bei den Eltern die Konfliktschleife bereits richtig festgeknotet. Er macht dies nicht richtig, sie zeigt kein ausreichendes Interesse … Die Liste der Themen, die sich heranziehen lassen, um nicht auf die Kinder, sondern auf den Partner oder die Partnerin sauer zu sein, ist lang.
Was kann in einer solchen festgefahrenen Situation helfen?
Häufig ist eine komplette Unterbrechung des bisherigen Musters sinnvoll – eine sogenannte Musterunterbrechung.
Erst einmal raus aus der Situation
Für unser Paar könnte es deshalb hilfreich sein, sich für eine Weile räumlich zu trennen. Nicht, um vor der Familie oder voreinander davonzulaufen, sondern um herunterzukommen und wieder einen klaren Blick auf das Wesentliche zu bekommen.
Dabei können drei Fragen helfen:
Was gibt mir Kraft?
Was brauche ich zum Glücklichsein?
Was gibt mir das Gefühl, erholt zu sein?
Genau wie in anderen Beziehungen gilt auch in Familien: Eine gesunde Mischung aus Autonomie und Verbindung kann zu mehr Harmonie führen.
Dabei bedeutet Verbindung sowohl die Verbindung mit dem Partner oder der Partnerin als auch die Verbindung mit den Kindern und innerhalb der Familie als Ganzes.
Gleichzeitig braucht jeder Mensch auch Zeit für sich. Gerade im Familienurlaub kann es deshalb helfen, sich bewusst zu entzerren.
Einer mit den Kindern, einer für sich
Für unser Beispielpaar könnte das bedeuten: Ein Elternteil verbringt eine Zeit lang allein mit beiden Kindern, während das andere Elternteil etwas ganz für sich macht.
Sei es ein Kanuausflug, eine Joggingrunde, ein Buch im Bett oder etwas völlig anderes. Die Möglichkeiten sind endlos.
Und das Ergebnis kann überraschend wohltuend sein: Das eine Elternteil bekommt Qualitytime mit den Kindern geschenkt – egal, wie anstrengend sie auch sein mag. Das andere Elternteil kann einmal durchatmen und genau das tun, was es braucht, um sich zu erholen.
Mit dieser neu gewonnenen Ruhe lässt sich anschließend auch das aufgekratzte Familiengefüge wieder besser auffangen. Danach wird getauscht.
Dabei geht es nicht darum, die Familie möglichst effizient zu organisieren. Es geht vielmehr darum, jedem Familienmitglied – auch den Eltern – Raum für die eigenen Bedürfnisse zu geben.
Warum Paarzeit manchmal erst einmal getrennt stattfinden muss
Gerade zu Beginn der Elternschaft sind Paare manchmal irritiert, wenn es plötzlich mehr Zeit alleine geben soll, statt gemeinsam als harmonisches Dreier- oder Vierergespann unterwegs zu sein.
Schließlich wäre die Kanutour mit der Partnerin oder dem Partner doch viel schöner als alleine.
Doch wenn Paare krampfhaft versuchen, all die Aktivitäten, die sie früher zu zweit genossen haben, nun auch als Familie zu erleben, folgen häufig Enttäuschung und Frust.
Vielleicht hilft hier ein Perspektivwechsel: Die aktuelle Lebensphase ist nicht für immer.
Die Kinder werden größer. Irgendwann werden sie alt genug sein, um ebenfalls Freude an den gemeinsamen Aktivitäten zu haben. Oder sie werden so selbstständig sein, dass die Eltern wieder mehr Möglichkeiten haben, bestimmte Dinge zu zweit zu unternehmen.
Bis dahin darf Familienleben auch bedeuten, dass nicht immer alle alles gemeinsam machen.
Nach der Autonomie kommt die Verbindung
Für unser Beispielpaar ist es deshalb wichtig, nach der Zeit der Autonomie wieder in die Verbindung zu gehen.
Dafür eignen sich besonders Momente, in denen die Kinder im Bett sind oder anderweitig betreut werden. Vielleicht bei einem Abendessen auf der Terrasse, während das Babyphone angeschaltet ist. Oder beim gemeinsamen Sternschnuppenschauen auf der Wiese.
Das Verbinden fällt leichter, wenn beide Paarteile zuvor bekommen haben, was ihnen guttut. Wer selbst wieder Kraft geschöpft hat, kann dem Partner oder der Partnerin viel leichter empathisch zuhören.
Wenn unser Bedürfnis nach Autonomie gestillt ist, öffnen wir uns unseren Mitmenschen gegenüber häufig wieder besser. Der Wunsch nach Verbindung kann neu entstehen.
Und Verbindung muss nicht nur als Paar stattfinden. Auch innerhalb der Familie lässt sie sich bewusst gestalten.
Zum Beispiel, indem sich die Eltern mit offener Neugier ihren Kindern widmen, anstatt gleichzeitig noch organisatorische Aufgaben zu erledigen. Sinnvoll kann es sein, sich abzusprechen: Eine Person ist bei den Kindern, während sich die andere um die Logistik kümmert. Danach wird getauscht.
So bekommt jeder einmal die Möglichkeit, wirklich präsent zu sein – entweder für die Kinder oder für die organisatorischen Aufgaben.
Wenn das Paar es schließlich geschafft hat, wieder zu zweit in die Verbindung zu gehen, gibt es noch einen letzten Tipp: Ausnahmsweise einmal NICHT über die eigenen Kinder reden!
Denn auch wenn die Kinder natürlich ein zentraler Bestandteil des gemeinsamen Lebens sind, braucht eine Paarbeziehung Räume, in denen es wieder um die beiden Menschen geht, die sich ursprünglich gefunden haben.
Was bedeutet das nun für den nächsten Urlaub?
Nehmen Sie sich beim nächsten Mal bewusst etwas Zeit, bevor die Reise überhaupt beginnt.
Werden Sie sich darüber klar, was Sie persönlich im Urlaub brauchen. Fragen Sie sich:
Was gibt mir Kraft?
Was brauche ich zum Glücklichsein?
Was gibt mir das Gefühl, erholt zu sein?
Und sprechen Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin darüber.
Was brauche ich? Was brauchst du? Was brauchen die Kinder?
Wie können wir uns organisieren? Und wo können oder müssen wir bewusst Abstriche machen?
Vielleicht bedeutet das, dass Sie Ihren nächsten Urlaub ganz anders planen als bisher.
Vielleicht gibt es weniger gemeinsame Aktivitäten, mehr Zeit für jeden Einzelnen und bewusst eingeplante Paarzeit.
Und vielleicht ist genau das am Ende der Urlaub, von dem alle etwas haben.



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