IMPULS #1 Bedürfnisse und Wünsche äußern - oder auch nicht?
- henriettemschmidt
- vor 3 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen
Seine Bedürfnisse zu äußern ist zu einer wichtigen Parole für all jene geworden, die sich mit sich selbst und ihren inneren Prozessen auseinandersetzen. Schließlich können unsere Erwartungen nur dann erfüllt werden, wenn wir artikulieren, was wir brauchen. Doch wie wir dieses Prinzip in Beziehungen leben, ist häufig weniger zielführend, als wir denken.
Generell beobachte ich einen wünschenswerten Wandel. Immer mehr – vor allem junge – Menschen beschäftigen sich mit psychologischen Themen, achten auf sich selbst und sprechen sensibel über Stress, Achtsamkeit und eben auch über Bedürfnisse. Diese Entwicklung ist durchaus hilfreich, denn wenn Gesprächsräume für psychische Belastungen geöffnet werden, können Betroffene sich leichter mitteilen und Unterstützung erhalten.
Im Zuge dieses neueren Diskurses entwickeln sich jedoch hin und wieder Dynamiken, die eher an Selbstgerechtigkeit als an Selbstfürsorge erinnern.
So beobachte ich in meiner Praxis immer wieder, dass Paare – oder Einzelpersonen, die von ihrer Partnerschaft berichten – ganz entrüstet erzählen, ihr Gegenüber habe, obwohl sie ihre Bedürfnisse ganz klar geäußert hätten, einfach nicht getan, was sie sich gewünscht hätten.
Der Wunsch dahinter ist verständlich. Wir alle sehnen uns tief im Inneren danach, dass unser Umfeld uns so behandelt wie ein fürsorgliches Elternteil, das uns – wie einem Baby – jedes Bedürfnis von den Lippen abliest. Sei es Sicherheit, Nähe, Essen, Wärme oder Unabhängigkeit.
Dabei vergessen wir jedoch manchmal, dass in Beziehungen zwei erwachsene, verantwortungsvolle Menschen auf Augenhöhe aufeinandertreffen. Beide wünschen sich, dass ihre jeweiligen Bedürfnisse gesehen und erfüllt werden.
Die eigenen Bedürfnisse zu artikulieren ist dafür der richtige erste Schritt. Das Missverständnis liegt vielmehr in dem, was danach folgt: der Erwartung, dass diese Bedürfnisse in jedem Fall erfüllt werden.
In Wahrheit hat unser Gegenüber vielleicht gerade andere Sorgen. Oder unsere Bedürfnisse stehen den Bedürfnissen der anderen Person unmittelbar entgegen.
Stellen wir uns folgende Situation vor: Samstagabend. Ein Paar bespricht den Verlauf des Abends. Partnerin X erhält einen Anruf von einem engen Freund und wird spontan zu einer Geburtstagsparty eingeladen. Ohne lange zu überlegen, sagt sie zu.
Das Telefonat endet, und keine zwei Minuten später blickt sie in die traurigen und leicht wütenden Augen von Partnerin Y.
„Ich hatte mich so auf einen Abend zu zweit gefreut. Ich brauche gerade einfach ganz viel Zuneigung von dir. Die ganze Woche war die Arbeit so anstrengend.“
Was nun?
Vermutlich würde sich ein Streit entwickeln. Und weil Partnerin Y ihre Bedürfnisse gut formuliert hat und darüber hinaus sichtbar traurig ist, würde Partnerin X irgendwann nachgeben und die Geburtstagsfeier absagen.
Das ist eine durchaus legitime Art, mit der Situation umzugehen. Wir können unseren Partner_innen geben, was sie brauchen, und das kann auch uns glücklich machen. Langfristig stößt dieses Muster jedoch häufig an seine Grenzen. Spätestens nach einigen Jahren Beziehung dürfte es immer häufiger zu Konflikten kommen, und Partnerin X könnte zunehmend den Eindruck gewinnen, mit den eigenen Bedürfnissen nicht gesehen zu werden.
Denn was passiert hier eigentlich?
Weil Partnerin Y ihre Bedürfnisse klar kommuniziert, versteht Partnerin X dies jedes Mal als Aufforderung, ihnen nachzukommen. Tut sie das nicht, erlebt sie ihre Partnerin als traurig oder enttäuscht. Um das zu vermeiden, stellt sie sich irgendwann gar nicht mehr die Frage, was ihr eigenes Bedürfnis eigentlich ist.
In unserem Beispiel hatte sie vielleicht das Bedürfnis nach Unabhängigkeit, neuen Impulsen, sozialen Kontakten oder Abenteuer. Diese Bedürfnisse stehen denen ihrer Partnerin zwar entgegen, sind deshalb aber nicht weniger wichtig.
Ein nachhaltigerer Umgang mit unterschiedlich gelagerten Bedürfnissen könnte so aussehen: Beide Partnerinnen machen ihre Bedürfnisse transparent und einigen sich darauf, dass heute die Bedürfnisse der einen Person im Vordergrund stehen und beim nächsten Mal bewusst auf die Bedürfnisse der anderen Person eingegangen wird.
Wenn das keine passende Lösung ist, können auch beide Menschen auf ihren Bedürfnissen bestehen und ihnen nachgehen. Das nennt man Differenzierung und sie gilt als ein erstrebenswerter Zustand in Beziehungen. In unserem Beispiel müsste Partnerin Y dann einen anderen Weg finden, das Bedürfnis nach Nähe und Zuneigung zu erfüllen. Sie könnte sich etwa mit einer engen Freundin treffen, Zeit mit einem Familienmitglied verbringen oder sich bewusst etwas Gutes tun – etwa ein warmes Bad nehmen.
Wichtig ist dabei, dass diese Entscheidung im Nachhinein nicht zum Vorwurf wird. Denn dass unsere Partner_innen den eigenen Bedürfnissen folgen, sollte grundsätzlich wünschenswert sein – auch wenn sie sich nicht immer mit den eigenen Bedürfnissen decken.
Denn das schöne ist: je häufiger wir erleben, dass wir unsere Bedürfnisse ungestraft ausleben können, auch wenn sie von unserem Gegenüber abweichen, desto wohlwollender werden wir selbst, wenn wir einmal zurückstecken. So können Beziehungen in einem ausgewogenen Wechselspiel von Geben und Nehmen langfristig wohlwollende Räume für beide Teile schaffen.
FÜR DEN ALLTAG
Weißt Du eigentlich, was Bedürfnisse sind?
Sie werden häufig als ein Zustand des Mangels beschrieben, verbunden mit dem Wunsch, diesen Mangel zu beheben. Bedürfnisse bilden die Grundlage unserer Gefühle. Werden sie erfüllt, entstehen häufig angenehme Gefühle; bleiben sie unerfüllt, entwickeln sich eher unangenehme Gefühle.
Oft ist es gar nicht so leicht, Gefühle und Bedürfnisse voneinander zu unterscheiden oder überhaupt die passenden Worte dafür zu finden. Das Internet kann dabei eine hilfreiche Orientierung bieten.
Versuche bei der nächsten Auseinandersetzung mit einem nahestehenden Menschen herauszufinden, welche Bedürfnisse bei Dir gerade unerfüllt sind – und was das mit Deinen Gefühlen macht. Frage anschließend Dein Gegenüber, welches Bedürfnis bei ihm oder ihr gerade nicht erfüllt wird. Versuche zunächst einfach nur zuzuhören und anzuerkennen, was die andere Person Dir gerade mitteilt. Wie verändert sich der Konflikt dadurch?

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